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Spracheinstellungen

bearbeitet von Christoph Purschke (letzte Änderung 01/2026)

Zusätzlich zu den Sprachgebrauchsdaten wurde den Teilnehmern des REDE-Projekts ein Fragebogen zu Spracheinstellungen zugesandt. Das Ziel dieser zusätzlichen Datenerhebung bestand darin, den Wandel in den modernen Regionalsprachen des Deutschen auch unter Berücksichtigung der Einstellungen der Sprecher zu verschiedenen Varietäten zu dokumentieren. Hintergrund der Erhebung ist die Annahme, dass die Meinungen von Sprecher*innen zu regionalen Sprechweisen entscheidend zur Frage beitragen, ob und in welcher Weise sich Regionalsprachen wandeln (vgl. Purschke 2011).

Die Erhebung der Einstellungsdaten fand zwischen April und September 2015 statt. Von den 733 versendeten Fragebögen kamen insgesamt 419 zurück. Abzüglich 23 Bögen, die wegen unvollständiger Angaben aussortiert werden mussten, betrug die Rücklaufquote damit 54%. Das Sample ist ungleich über die Variablen Informantengruppe, Region und präferierte Sprechweise im Alltag verteilt:

  • Informantengruppe: Informantengruppe 2 (G2) ist im Sample überrepräsentiert, besonders im Vergleich zur Informantengruppe 3 (G3);
  • Region: Sprecher aus dem mitteldeutschen Raum sind gegenüber den nieder- und oberdeutschen Sprechern in der Mehrzahl;
  • präferierte Sprechweise: Der größte Teil der Probanden (211) gibt an, im Alltag regionale Umgangssprache zu sprechen, gegenüber 78 Dialektsprechern und 93 Hochdeutschsprechern. Eine geografische Darstellung dieser Datenverteilung liefert Abbildung 1:
Abbildung 1: Regionale Verteilung der Alltagssprache, grün = regionale Umgangssprache, rot = Dialekt, blau = Hochdeutsch

Hintergrund, Methode und Durchführung

Für die Ergebung wurde ein eigenes Messinstrument entwickelt, das mittels 7-stufiger Likert-Skalen die Zustimmung oder Ablehnung der Probanden zu verschiedenen Aussagen abfragt (vgl. Purschke 2014). Ausgangspunkt für die Entwicklung war eine pragmatisch-konstruktivistische Einstellungstheorie (vgl. Purschke 2015a; 2015b). Bei der Konstruktion des Fragebogens wurde besonders darauf geachtet, nur solche Aussagen in den Test aufzunehmen, die sich direkt auf die Lebenswirklichkeit der Probanden bezogen, damit die Probanden aus ihrer eigenen Erfahrung antworten konnten und sich nicht erst für den Fragebogen eine Meinung zu Fragen bilden mussten. Abbildung 2 zeigt einen Ausschnitt des Fragebogens.

Abbildung 2: Ausschnitt aus dem Fragebogen zur Erhebung von Spracheinstellungen

Der Fragebogen umfasst insgesamt 72 Aussagen, die sich aus je 24 inhaltsgleichen Aussagen für die drei Varietäten Hochdeutsch, regionale Umgangssprache und Dialekt zusammensetzen. Darüber hinaus berücksichtigt der Fragebogen einige sprachbiografische Angaben zur Varietätenkompetenz und einen Dialektschnelltest (vgl. Purschke 2011). Die Erhebungsmethode wurde in Pretests in Deutschland und Österreich erprobt und methodisch validiert (vgl. Purschke 2020).

Auswertung und Ergebnisse

Die Auswertung der Daten erfolgte mittels verschiedener statistischer Verfahren mehrstufig. Ziel der Auswertung war es, für die Probanden sprachliche Affinitätstypen zu ermitteln, also verschiedene Typen von Einstellungen zu den Varietäten des Deutschen.

Ein erstes aufschlussreiches Ergebnis lieferte bereits die Auswertung der Einzelaussagen zu den drei getesteten Varietäten (regionale Umgangssprache, Dialekt, Hochdeutsch). Abbildung 3 macht deutlich, dass die Teilnehmer eine klare Vorstellung davon haben, welche Varietäten bei ihnen im Heimatort Zusammenhalt stiften:

  • Global gesehen (links in Abb. 3) sind es die regionale Umgangssprache (= RU) und der Dialekt (= DI), nicht aber das Hochdeutsche (= HD), die Zusammenhalt stiften. Dieser Befund ist zudem über den Faktor Informantengruppe (= Generation) konstant.
  • Regional (= Dialektregion) findet sich eine Süd-Nord-Verteilung im Grad der Ablehnung des Hochdeutschen: je nördlicher die Herkunft der Sprecher, umso weniger wird Hochdeutsch als gemeinschaftsstiftend abgelehnt.
  • Auch besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Ablehnung des Hochdeutschen als Faktor für sozialen Zusammenhalt und der eigenen präferierten Sprechweise im Alltag (= Alltagssprache).
Abbildung 3: Auswertung der Einzelaussagen zur Stiftung von Zusammenhalt am Ort für die Varietäten regionale Umgangssprache (RU), Dialekt (DI) und Hochdeutsch (HD), Aufschlüsselung der Informantengruppen: Jung = G3, Mittel = G2, Alt = G1, Aufschlüsselung der Dialektregion: ND = Niederdeutsch, MD = Mitteldeutsch, OD = Oberdeutsch

Ein nahezu inverses Bild zeigt sich in den Antworten auf die Frage, welche Sprechweise Nachrichtensprecher in den regionalen Nachrichten verwenden sollten. Abbildung 4 veranschaulicht die Antwortenverteilung in Abhängigkeit der drei Faktoren Informantengruppe (= Generation), Dialektregion und der eigenen Alltagssprache der Informanten.

Abbildung 4: Auswertung der Einzelaussagen zur präferierten Sprechweisen in regionalen Nachrichten, Aufschlüsselung der Varietäten: regionale Umgangssprache (RU), Dialekt (DI) und Hochdeutsch (HD), Aufschlüsselung der Informantengruppen: Jung = G3, Mittel = G2, Alt = G1, Aufschlüsselung der Dialektregion: ND = Niederdeutsch, MD = Mitteldeutsch, OD = Oberdeutsch

Folgende Ergebnisse sind hierbei festzuhalten:

  • Alle Probanden bevorzugen das Hochdeutsche klar gegenüber der regionalen Umgangssprache und vor allem gegenüber dem Dialekt als Sprechweise in regionalen Nachrichten.
  • Über die drei Informantengruppen hinweg findet sich bei Gruppe 1 eine striktere Erwartung, Hochdeutsch zu verwenden als bei den beiden jüngeren Gruppen (G2, G3).
  • In Bezug auf den Faktor Region sind es vor allem die oberdeutschen Teilnehmer, die bei dieser Frage zum einen dem Hochdeutschen am wenigsten positiv gegenüberstehen und zugleich zur regionalen Umgangssprache am wenigsten negativ eingestellt sind.

Hauptergebnisse

Die weitere Auswertung der Studie erfolgte mit Hilfe verschiedener datenanalytischer Verfahren. Das Auswertungsverfahren erfolgte mehrstufig und beinhaltete die Reduktion der Datenkomplexität (Faktorenanalyse), die Erkennung typischer Antwortmuster in den Daten (Clusteranalyse) sowie eine Überprüfung des Zusammenhangs mit anderen Variablen (Kreuztabellen mit Chi-Quadrat-Test zur Signifikanzprüfung).

Mit Hilfe dieser Vorgehensweise konnten vier Affinitätstypen für die REDE-Einstellungsstudie ermittelt werden. Die Differenzierung der Affinitätstypen und die Zuordnung der REDE-Informanten spiegeln somit die unterschiedlichen Einstellungsprofile der REDE-Informanten zur den Varietäten Dialekt, Hochdeutsch und regionale Umgangssprache.

Abbildung 5 veranschaulicht die räumliche Verteilung für die vier Affinitätstypen der REDE-Informanten: Jeder Kreis dokumentiert einen Ortspunkt, wobei über die Größe des Ortspunkts die Anzahl der Probanden festgehalten ist. Die einzelnen Affinitätsytspen sind farblich im Ortspunkt differenziert:

  • Dialektaffiner Typ (rot): Diese Sprecher haben eine positive Einstellung zum Dialekt und eine neutrale bis negative Einstellung zur regionalen Umgangssprache und zum Hochdeutschen.
  • Regiolektaffiner Typ (grün): Diese Sprecher sind der regionalen Umgangssprache positiv eingestellt und haben zugleich eine neutrale bis negative Einstellung zum Hochdeutsch und zum Dialekt.
  • Regionalsprachaffiner Typ (gelb): Diese Sprecher haben eine positive Einstellung zur regionalen Umgangssprache sowie zum Dialekt, aber nicht zum Hochdeutschen.
  • Hochdeutschaffiner Typ (blau): Diese Sprecher bevorzugen Hochdeutsch und zeigen gleichzeitig eine neutrale bis negative Einstellung zur regionalen Umgangssprache und zum Dialekt.
Abbildung 5: Affinitätstypen, rot = dialektaffin, grün = regiolektaffin, gelb = regionalspracheaffin, blau = hochdeutschaffin

Weiterhin lassen sich Faktoren identifizieren, die beeinflussen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Sprecher zu einer der vier Affinitätstypen gehört:

  • Über die Informantengruppen hinweg lässt sich eine Verschiebung der Affinitäten von Dialekt (G1) und regionaler Umgangssprache (G1 und G2) hin zum Hochdeutschen (G2 und G3) ablesen.
  • Hinsichtlich der regionalen Verteilung zeigt sich das erwartbare Süd-Nord-Gefälle: Während im oberdeutschen (und mitteldeutschen) Raum Dialekt und regionale Umgangssprache bevorzugt werden, nimmt diese Präferenz Richtung Norden zugunsten des Hochdeutschen ab.
  • In ähnlicher Weise bestimmt die Angabe der präferierten Sprechweise im Alltag den Affinitätstyp: Sprecher, die angeben, im Alltag meistens Hochdeutsch zu sprechen, zeigen häufig auch eine starke Affinität zum Hochdeutschen, Dialektsprecher sind zumeist in der Gruppe der Dialektaffinen vertreten (vgl. Abb. 5).

Damit leistet die REDE-Einstellungsstudie insgesamt zwei Dinge:

  1. Die Studie bestätigt die Befunde des REDE-Projekts zu regionalsprachlichen Spektren (vgl. Publikationsliste) und spiegelt dabei den Wandel der Regionalsprachen über die Dialektregionen und über verschiedene Altersstufen der REDE-Informantengruppen.
  2. Die Studie hilft zu erklären, warum sich die Regionalsprachen auf die im Projekt dokumentierte Weise wandeln. Mit der kommunikativen Lebenswelt der Sprecher verändern sich auch ihre Einstellungen zu Dialekt und Hochdeutsch – stark vereinfacht: weg vom Dialekt und hin zum Hochdeutschen.

Literatur

Purschke, Christoph (2011). Regionalsprache und Hörerurteil. Grundzüge einer perzeptiven Variationslinguistik. Stuttgart: Steiner. (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte 149).

Purschke, Christoph (2014). REACT – Einstellungen als evaluative Routinen in sozialen Praxen. In: Cuonz, Christina/Studler, Rebekka (Hrsg.): Sprechen über Sprache. Perspektiven und neue Methoden der Einstellungsforschung. Tübingen: Stauffenburg, 123–142.

Purschke, Christoph (2015a): REACT – A constructivist theoretic framework for attitudes. In: Preston, Dennis/Prikhod­kine, Alexei (Hrsg.): Responses to Language Varieties: Variability, processes and outcomes. Amsterdam: John Benjamins (IMPACT: Studies in Language and Society 39), 37–54.

Purschke, Christoph (2015b). Das Holz, die Axt, der Hieb: Über den Zusammenhang von Einstellung und Handeln am Beispiel des Handlungsschemas ‘Holz hacken’. In: Langhanke, Robert (Hrsg.): Sprache, Literatur, Raum. Festgabe für Willy Diercks. 2. Auflage. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 145–162.

Purschke, Christoph (2020). Fescher als dein Schatten. Zur Präsenz des Deutschen in Österreich in der Alltagspraxis. In: Hundt, Markus/Kleene, Andrea/Plewnia, Albrecht/Sauer, Verena (Hrsg.): Regiolekte. Objektive Sprachdaten und subjektive Wahrnehmung. Tübingen: Narr Francke Attempto (Studien zur deutschen Sprache), 315–343.